Selbstwirksamkeit: Warum der Glaube an die eigenen Fähigkeiten über Gesundheit und Lebensqualität entscheidet
- Alexander Morgen

- 24. Juni
- 6 Min. Lesezeit

Stellen Sie sich vor, Sie stehen vor einer großen beruflichen Herausforderung. Ob Sie diese Aufgabe angehen oder ihr aus dem Weg gehen, hängt nicht allein von Ihren tatsächlichen Fähigkeiten ab – sondern in erheblichem Maß davon, ob Sie innerlich davon überzeugt sind, damit umgehen zu können. Genau diese innere Überzeugung bezeichnet die Psychologie als Selbstwirksamkeit. Sie ist eine der am besten erforschten Ressourcen menschlicher Widerstandsfähigkeit und spielt in Therapie, Coaching und alltäglichem Wohlbefinden eine zentrale Rolle.
Im Folgenden erfahren Sie, was Selbstwirksamkeit aus psychologischer Sicht bedeutet, wie sie entsteht, warum ein schwaches Selbstwirksamkeitsgefühl zum Risikofaktor für verschiedene psychische Belastungen werden kann und wie psychotherapeutische Arbeit dabei helfen kann, diesen inneren Glauben nachhaltig zu stärken.
Was ist Selbstwirksamkeit? Der Begriff und seine Ursprünge
Der Begriff Selbstwirksamkeit geht auf den kanadisch-amerikanischen Psychologen Albert Bandura zurück, der ihn in den 1970er Jahren im Rahmen seiner sozial-kognitiven Lerntheorie geprägt hat. Bandura verstand darunter die subjektive Überzeugung einer Person, in der Lage zu sein, bestimmte Handlungen auszuführen, um ein angestrebtes Ergebnis zu erzielen. Es geht dabei ausdrücklich nicht darum, was jemand objektiv kann, sondern darum, was er oder sie sich selbst zutraut.
Diese Definition macht deutlich: Selbstwirksamkeit ist kein Persönlichkeitsmerkmal im klassischen Sinne, das man entweder hat oder nicht hat. Sie ist kontextabhängig, lernbar und veränderbar. Menschen können in einem Bereich, etwa im Sport, eine hohe Selbstwirksamkeit besitzen und gleichzeitig in einem anderen Bereich, zum Beispiel im sozialen Miteinander, erhebliche Zweifel an den eigenen Möglichkeiten hegen. Bandura unterschied deshalb zwischen einer allgemeinen Selbstwirksamkeitserwartung und bereichsspezifischen Ausprägungen.
Was Selbstwirksamkeit von verwandten Konzepten wie Selbstwertgefühl oder Selbstvertrauen unterscheidet, ist ihr handlungsbezogener Kern: Nicht die allgemeine Einschätzung der eigenen Person steht im Mittelpunkt, sondern die Überzeugung, konkrete Anforderungen meistern zu können. Es ist diese Handlungs- und Ergebnisorientierung, die Selbstwirksamkeit zu einem so praktisch bedeutsamen Konzept macht, sowohl im Alltag als auch in der therapeutischen Arbeit.
Wie entsteht Selbstwirksamkeit? Die vier Quellen nach Bandura
Bandura identifizierte vier wesentliche Quellen, aus denen sich das Selbstwirksamkeitserleben speist. Das Verständnis dieser Quellen ist nicht nur akademisch interessant, sondern bildet die Grundlage für eine gezielte therapeutische Förderung.
Eigene Erfolgserfahrungen
Die wirksamste Quelle für ein starkes Selbstwirksamkeitserleben sind eigene, direkte Erfolgserfahrungen, also Situationen, in denen Sie eine Herausforderung tatsächlich gemeistert haben. Solche Erlebnisse hinterlassen tiefe kognitive und emotionale Spuren: Das Gehirn lernt, dass Anstrengung zu Ergebnissen führt, dass Hindernisse überwindbar sind und dass die eigenen Mittel ausreichen. Umgekehrt können wiederholte Misserfolge, besonders in frühen Lebensphasen oder in bedeutsamen Bereichen, das Selbstwirksamkeitserleben nachhaltig beeinträchtigen.
Stellvertretende Erfahrungen
Menschen lernen nicht nur durch eigenes Handeln, sondern auch durch Beobachtung. Wenn Sie sehen, wie eine Person, die Ihnen ähnelt, eine bestimmte Aufgabe bewältigt, stärkt das die Überzeugung, dies ebenfalls schaffen zu können. Dieser Mechanismus erklärt unter anderem, warum Rollenvorbilder und Gruppenangebote in therapeutischen Kontexten so wirksam sein können. Das Prinzip der stellvertretenden Erfahrung entfaltet hier seine motivierende Kraft.
Soziale Überzeugung
Ermutigung, Anerkennung und konstruktives Feedback durch andere Menschen können das Selbstwirksamkeitserleben spürbar erhöhen. Kinder, die von Bezugspersonen in ihrer Kompetenz bestätigt werden, entwickeln in der Regel stabilere Überzeugungen in die eigenen Fähigkeiten als solche, die Kritik, Überforderung oder Gleichgültigkeit erleben. Auch im Erwachsenenalter bleibt soziale Resonanz eine bedeutsame Quelle, sei es im Arbeitsumfeld, in Partnerschaften oder im therapeutischen Gespräch.
Physiologische und emotionale Zustände
Die Art und Weise, wie wir körperliche und emotionale Signale wahrnehmen und interpretieren, beeinflusst unser Selbstwirksamkeitserleben erheblich. Wer Aufregung vor einem Vortrag als Zeichen von Inkompetenz deutet, wird an seinen Fähigkeiten zweifeln. Wer dieselbe Empfindung als normale Aktivierung des Organismus versteht, erlebt sie weniger bedrohlich. Diese Interpretationsmuster sind lernbar und damit therapeutisch zugänglich.
Selbstwirksamkeit im therapeutischen Kontext
In der psychotherapeutischen Praxis begegne ich dem Thema Selbstwirksamkeit in nahezu jedem Therapiegespräch, auch wenn es nicht immer explizit so benannt wird. Viele Menschen, die psychologische Unterstützung suchen, tragen im Kern eine tiefe Überzeugung mit sich: "Ich schaffe das nicht", "Ich bin nicht in der Lage, damit umzugehen", "Andere können das, ich nicht". Diese Überzeugungen sind keine simplen Gedanken, sondern tief verankerte kognitive Schemata, die Wahrnehmung, Motivation und Verhalten maßgeblich steuern.
In der kognitiven Verhaltenstherapie (KVT) wird Selbstwirksamkeit als zentraler Wirkfaktor therapeutischer Veränderung verstanden. Wenn Menschen im Verlauf einer Therapie erleben, dass sie bislang gemiedene Situationen meistern können, gefürchtete Gefühle aushalten oder neue Verhaltensweisen erproben, dann stärkt genau das ihr Selbstwirksamkeitserleben und damit die Wahrscheinlichkeit weiterer positiver Veränderungen. Therapeutischer Erfolg und Selbstwirksamkeitszuwachs verstärken sich gegenseitig.
Auch in der Hypnotherapie spielt das Selbstwirksamkeitskonzept eine wichtige Rolle. Trancezustände ermöglichen es, auf tieferer Ebene mit internalen Überzeugungen und einschränkenden Glaubenssätzen zu arbeiten. Hypnotherapeutische Interventionen können helfen, ressourcenreiche Zustände zu aktivieren, neue innere Repräsentationen von Kompetenz zu verankern und den Zugang zu vergessenen eigenen Stärken zu öffnen. Dies geschieht nicht durch Überzeugung von außen, sondern durch eine Neuausrichtung von innen, was besonders nachhaltig wirken kann.
Im Bereich des Sportmentaltrainings ist Selbstwirksamkeit ebenfalls ein Schlüsselkonzept. Athletinnen und Athleten, die an ihre Leistungsfähigkeit glauben, trainieren ausdauernder, erholen sich von Rückschlägen schneller und rufen in Wettkampfsituationen ihre Fähigkeiten zuverlässiger ab. Mentales Training zielt daher gezielt auf den Aufbau einer belastbaren Selbstwirksamkeitsüberzeugung, dies unter anderem durch mentale Proben, gezielte Aufmerksamkeitslenkung und die Arbeit mit inneren Bildern.
Risiken bei mangelndem Selbstwirksamkeitserleben
Ein schwach ausgeprägtes Selbstwirksamkeitserleben ist weit mehr als eine bloße Unterschätzung der eigenen Fähigkeiten. Es kann weitreichende Konsequenzen für das psychische und körperliche Wohlbefinden haben und ist mit einer Reihe klinisch relevanter Störungsbilder assoziiert.
Angststörungen und Vermeidungsverhalten
Menschen mit geringer Selbstwirksamkeit neigen dazu, Situationen zu vermeiden, die sie als schwer beherrschbar einschätzen. Was kurzfristig Erleichterung verschafft, führt langfristig zur Aufrechterhaltung und Ausweitung von Ängsten. Ob es sich um Prüfungsangst, soziale Ängste, Flugangst oder generalisierte Angststörungen handelt, das zugrundeliegende Muster ist häufig dasselbe: Die Überzeugung, mit dem Angstreiz nicht umgehen zu können, macht die Begegnung mit ihm subjektiv unerträglich. Therapie, die Selbstwirksamkeit fördert, durchbricht diesen Kreislauf, indem sie Erfahrungen der Handlungsfähigkeit ermöglicht.
Depression und Hilflosigkeit
Ein dauerhaft niedriges Selbstwirksamkeitsgefühl ist ein bedeutsamer Risikofaktor für die Entwicklung und Aufrechterhaltung depressiver Störungen. Martin Seligman hat mit seinem Konzept der erlernten Hilflosigkeit gezeigt, wie wiederholte Erfahrungen von Unkontrollierbarkeit dazu führen können, dass Menschen aufhören, überhaupt Kontrolle ausüben zu wollen, selbst dann, wenn Handlungsmöglichkeiten vorhanden wären. Niedrige Selbstwirksamkeit und depressive Antriebslosigkeit verstärken sich in einem sich selbst bestätigenden Kreislauf gegenseitig.
Burnout und chronischer Stress
Im Kontext betrieblicher Gesundheit und arbeitsbezogener Belastungen zeigt sich: Menschen, die überzeugt sind, beruflichen Anforderungen nicht gewachsen zu sein, erleben Arbeit als chronischen Stressor. Die fehlende Überzeugung, Probleme lösen oder Grenzen setzen zu können, führt zu anhaltender Überforderung und begünstigt so die Entwicklung von Burnout-Zuständen. Maßnahmen des betrieblichen Gesundheitsmanagements (BGM), die auf Selbstwirksamkeit setzen, fördern daher nicht nur das individuelle Wohlbefinden, sondern auch die Resilienz von Organisationen.
Geringes Selbstwertgefühl und negative Selbstbilder
Obwohl Selbstwirksamkeit und Selbstwertgefühl konzeptuell voneinander zu unterscheiden sind, beeinflussen sie sich wechselseitig. Wer dauerhaft erlebt, dass er oder sie an Aufgaben scheitert oder sich ihnen nicht gewachsen fühlt, entwickelt häufig auch ein insgesamt negatives Selbstbild. Diese negativen Selbstüberzeugungen können sich verfestigen und zu tiefgreifenden Einschränkungen in Lebensqualität, Beziehungen und beruflicher Entfaltung führen.
Prokrastination und Motivationsverlust
Ein häufig unterschätzter Ausdruck geringer Selbstwirksamkeit ist chronisches Aufschieben. Prokrastination ist selten ein Zeichen von Faulheit sondern oft Ausdruck der Überzeugung, eine Aufgabe nicht bewältigen zu können. Der Aufschub schützt kurzfristig vor dem befürchteten Versagen, zieht aber mittel- und langfristig einen Verlust an Selbstwirksamkeitserfahrungen nach sich und verfestigt die zugrundeliegenden Überzeugungen.
Selbstwirksamkeit stärken – erste Schritte im Alltag
Selbstwirksamkeit ist, wie eingangs betont, kein starres Persönlichkeitsmerkmal, sondern eine erlernbare Überzeugung. Es gibt eine Reihe von Haltungen und Praktiken, die Sie eigenständig fördern können – ergänzend zu einer professionellen Begleitung, die bei ausgeprägten Einschränkungen empfehlenswert ist.
Beginnen Sie mit kleinen, erreichbaren Herausforderungen. Der Aufbau von Selbstwirksamkeit braucht Erfolgserfahrungen und diese gelingen am besten, wenn Ziele realistisch und in Teilschritte untergliedert sind. Jede gemeisterte Herausforderung, so klein sie auch erscheinen mag, hinterlässt eine kognitive Spur: "Ich habe es geschafft." Über Zeit addieren sich diese Spuren zu einer stabilen inneren Überzeugung.
Achten Sie auf die Geschichten, die Sie sich selbst über vergangene Erfahrungen erzählen. Menschen mit hoher Selbstwirksamkeit tendieren dazu, Erfolge auf eigene Fähigkeiten und Anstrengungen zurückzuführen anstatt auf Glück oder äußere Umstände. Misserfolge werden als lernbare Situationen interpretiert, nicht als Beweis grundsätzlicher Unfähigkeit. Diese Interpretation ist trainierbar.
Suchen Sie bewusst nach Vorbildern in relevanten Bereichen, insbesondere Menschen, die ähnliche Ausgangsbedingungen hatten und Herausforderungen gemeistert haben. Die stellvertretende Erfahrung ihrer Bewältigungswege kann Ihren eigenen Handlungsspielraum gedanklich erweitern. Und schließlich: Schenken Sie Ihrem Körper Aufmerksamkeit. Körperliche Aktivität, ausreichend Schlaf und achtsame Körperwahrnehmung beeinflussen, wie Sie physiologische Aktivierungszustände interpretieren und damit auch Ihr Selbstwirksamkeitserleben.
Fazit: Selbstwirksamkeit als Grundlage gelingenden Lebens
Selbstwirksamkeit ist eine der kraftvollsten Ressourcen, über die Menschen verfügen, und gleichzeitig eine der am häufigsten unterschätzten. Der Glaube daran, die eigene Situation aktiv mitgestalten zu können, beeinflusst nicht nur, was wir tun, sondern auch, wer wir werden: wie wir auf Rückschläge reagieren, welche Ziele wir verfolgen, wie wir mit anderen umgehen und wie wir Stress erleben.
Wenn das Selbstwirksamkeitserleben dauerhaft geschwächt ist – sei es durch frühe Erfahrungen, belastende Lebensereignisse oder anhaltende Überforderung – kann psychotherapeutische Unterstützung ein wirksamer Weg sein, neue Erfahrungen der Handlungsfähigkeit zu machen. In der therapeutischen Beziehung entsteht ein geschützter Raum, in dem alte Überzeugungen hinterfragt und neue Möglichkeiten erprobt werden können.
Wenn Sie in Trier oder der umliegenden Region einschließlich des Großherzogtums Luxemburg psychologische Unterstützung suchen, stehe ich Ihnen gern zur Verfügung. Gemeinsam erarbeiten wir individuelle Wege, Ihr Selbstwirksamkeitserleben nachhaltig zu stärken.
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