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Prokrastination – warum wir aufschieben, obwohl wir es besser wissen

  • Autorenbild: Alexander Morgen
    Alexander Morgen
  • vor 3 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit
Nachdenkliche Person sitzt an einem Schreibtisch und schiebt Aufgaben auf – typische Situation bei Prokrastination, die von Depression abgegrenzt werden sollte.

Viele Menschen kennen den inneren Konflikt, der mit Prokrastination einhergeht: Sie wissen genau, was zu tun wäre, nehmen sich fest vor anzufangen – und finden sich dennoch immer wieder dabei, wie sie ausweichen, vertagen oder sich ablenken. Das Aufschieben erzeugt Druck, Schuldgefühle und Selbstkritik. Für viele Betroffene ist Prokrastination daher kein harmloses Verhalten, sondern ein belastendes Muster, das den Alltag und das Selbstwertgefühl nachhaltig beeinträchtigt.


Dieser Beitrag soll dabei helfen, das eigene Aufschieben besser zu verstehen. Er beleuchtet typische innere Dynamiken, zeigt auf, warum Prokrastination so hartnäckig sein kann, und grenzt sie im Verlauf bewusst von einer Depression ab. Ziel ist es, Orientierung zu geben, Selbstabwertung zu reduzieren und zu ermutigen, sich Unterstützung zu erlauben.


Was ist Prokrastination?


Prokrastination beschreibt ein wiederholtes und als problematisch erlebtes Aufschieben von Aufgaben, obwohl die betroffene Person weiß, dass dieses Verhalten negative Folgen haben wird. Entscheidend ist dabei nicht das gelegentliche Vertagen, sondern das chronische Muster, das mit innerem Leiden verbunden ist. Häufig besteht ein klares Bewusstsein dafür, was getan werden müsste, gleichzeitig erleben Betroffene eine innere Blockade oder starken Widerstand gegen den Beginn der Aufgabe.


Typisch ist, dass das Aufschieben kurzfristig Erleichterung verschafft, weil unangenehme Gefühle wie Druck, Angst oder Überforderung vermieden werden. Langfristig jedoch nehmen Stress, Schuldgefühle und Selbstvorwürfe zu. Wichtig ist eine klare Einordnung: Prokrastination gilt nicht als psychische Störung im Sinne der ICD-10 oder ICD-11. Sie ist keine eigenständige Diagnose. Dennoch kann sie erheblichen Leidensdruck verursachen – und psychotherapeutische Unterstützung kann entlastend und hilfreich sein.


Wie sich Prokrastination im Alltag zeigt


Im Alltag äußert sich Prokrastination sehr unterschiedlich. Manche Menschen schieben vor allem berufliche Aufgaben auf, andere private Erledigungen, wieder andere Gespräche, Entscheidungen oder wichtige Schritte für ihre persönliche Entwicklung. Häufig wirken die Betroffenen nach außen beschäftigt, innerlich jedoch drehen sie sich im Kreis.


Ein typisches Beispiel: Eine Person setzt sich mit dem festen Vorsatz an den Schreibtisch, endlich mit einer wichtigen Aufgabe zu beginnen. Stattdessen wird zunächst der Arbeitsplatz aufgeräumt, dann werden E-Mails sortiert oder noch schnell etwas recherchiert, das „auch noch wichtig“ erscheint. Die eigentliche Aufgabe rückt immer weiter in den Hintergrund, während im Inneren Anspannung wächst und Gedanken auftauchen wie: „Ich müsste doch längst anfangen“ oder „Warum schaffe ich das nicht?“


Was von außen wie mangelnde Disziplin wirken kann, wird innerlich oft als quälender Zustand erlebt. Viele Betroffene berichten von starkem Druck, Angst zu versagen oder den eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden, sowie von zunehmenden Zweifeln an den eigenen Fähigkeiten.


Innere Muster hinter dem Aufschieben


Prokrastination entsteht selten aus Bequemlichkeit. Häufig wirken mehrere innere Dynamiken zusammen, die sich gegenseitig verstärken. Eine zentrale Rolle spielt dabei oft Perfektionismus. Wer sehr hohe Ansprüche an sich selbst stellt, erlebt den Beginn einer Aufgabe nicht als neutral, sondern als potenzielle Bedrohung. Die Sorge, etwas nicht gut genug zu machen oder negativ bewertet zu werden, kann so stark werden, dass das Nicht-Anfangen sich kurzfristig sicherer anfühlt.


Hinzu kommt die Vermeidung unangenehmer Gefühle. Aufschieben dient häufig dazu, Stress, Unsicherheit oder Überforderung nicht spüren zu müssen. Diese Entlastung ist jedoch nur vorübergehend. Mit zunehmender Zeit wächst der innere Druck, und genau die Gefühle, die vermieden werden sollten, kehren besonders intensiv zurück.


Ein weiterer Faktor ist eine ausgeprägte innere Selbstkritik. Gedanken wie „Ich müsste weiter sein“ oder „Andere bekommen das doch auch hin“ erhöhen den inneren Stress und blockieren gleichzeitig die Handlungsfähigkeit. Viele dieser Muster laufen automatisch ab und sind den Betroffenen nicht oder nur teilweise bewusst.


Das Leiden hinter der Prokrastination


Für viele Menschen ist Prokrastination nicht nur ein organisatorisches Problem, sondern mit tiefem emotionalem Leiden verbunden. Das wiederholte Scheitern an den eigenen Vorsätzen kann das Selbstwertgefühl nachhaltig untergraben. Betroffene erleben sich als unzuverlässig oder unfähig, obwohl sie oft sehr reflektiert und leistungsbereit sind.


Mit der Zeit entstehen häufig anhaltende Schuld- und Schamgefühle. Manche ziehen sich zurück oder vermeiden weitere Anforderungen, um dem Gefühl des Versagens zu entgehen. Das Gefühl, im eigenen Leben festzustecken oder sich selbst im Weg zu stehen, ist dabei keine Seltenheit. Auch für Angehörige ist dieses Verhalten oft schwer nachvollziehbar, was zusätzliche Spannungen erzeugen kann.


Prokrastination und Depression – Parallelen und Abgrenzung


Im Zusammenhang mit anhaltendem Aufschieben stellt sich bei vielen Betroffenen die Frage, ob möglicherweise eine Depression vorliegt. Diese Unsicherheit ist verständlich, denn es gibt einige Überschneidungen zwischen Prokrastination und depressiven Symptomen. Dazu zählen insbesondere Antriebslosigkeit, Vermeidung, Grübeln und eine ausgeprägte Selbstkritik.


Wenn das Aufschieben über längere Zeit anhält und von Erschöpfung begleitet wird, entsteht leicht der Eindruck, dass etwas Grundsätzliches nicht stimmt. Gerade deshalb ist eine differenzierte Einordnung wichtig.


Trotz aller Parallelen handelt es sich bei Prokrastination und Depression um unterschiedliche Phänomene. Eine Depression ist eine psychische Erkrankung, die sich nicht nur auf einzelne Aufgaben bezieht, sondern das gesamte Erleben durchdringt. Betroffene leiden häufig unter einer anhaltend gedrückten Stimmung oder innerer Leere, einem deutlichen Verlust von Freude und Interesse sowie tiefgreifender Hoffnungslosigkeit.


Während Menschen mit Prokrastination durchaus Freude erleben und in bestimmten Bereichen leistungsfähig sein können, ist bei einer Depression oft das Lebensgefühl insgesamt beeinträchtigt. Diese Abgrenzung dient nicht der Selbstdiagnose, sondern der Orientierung. Auch ein hinzugezogener Therapeut wird im Rahmen der Anamnese und Diagnostik differenzieren, um die für den Klienten passende Therapie zu planen.


Wann Unterstützung sinnvoll ist


Psychotherapeutische Begleitung kann dann hilfreich sein, wenn das Aufschieben über Monate anhält, der Leidensdruck zunimmt oder sich Selbstabwertung und Hoffnungslosigkeit verstärken. Auch wenn zusätzlich depressive Symptome auftreten, ist es sinnvoll, genauer hinzuschauen. Auch ohne formale Diagnose kann Prokrastination ein wichtiger Hinweis auf innere Belastungen sein, die Beachtung verdienen. Psychotherapie kann hier entlasten, klären und neue Perspektiven eröffnen.


Wie Psychotherapie bei Prokrastination unterstützen kann


Psychotherapie bietet einen geschützten Raum, um innere Muster zu erkennen, den Umgang mit Selbstkritik zu verändern und emotionale Blockaden besser zu verstehen. Ziel ist es, wieder Handlungsspielraum zu gewinnen und einen freundlicheren, realistischeren Umgang mit sich selbst zu entwickeln.


Viele Betroffene erleben bereits durch das Verstandenwerden eine spürbare Erleichterung. Veränderungen entstehen oft nicht durch Druck, sondern durch Einsicht, Beziehung und schrittweise neue Erfahrungen.


Ein ermutigender Abschluss


Prokrastination bedeutet nicht, faul oder unfähig zu sein. Sie ist häufig Ausdruck innerer Konflikte, die gesehen und verstanden werden wollen. Sich Unterstützung zu holen ist kein Zeichen von Schwäche, sondern von Selbstfürsorge und Verantwortung für das eigene Wohlbefinden.


In meiner psychotherapeutischen Praxis in Trier begleite ich Menschen dabei, ihr Aufschieben besser zu verstehen, innere Blockaden zu lösen und wieder mehr Klarheit und Handlungsspielraum zu gewinnen. Wenn Sie merken, dass Prokrastination Sie belastet oder verunsichert, lade ich Sie herzlich ein, Kontakt mit mir

aufzunehmen. Ein unverbindliches Erstgespräch kann ein erster Schritt sein, um sich selbst besser zu verstehen und neue Wege zu eröffnen.

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